Ein Auszug aus dem Roman

Vogel im Herzen 

von JDvG / 13.06.2014

 

Vogel im Herzen 

Kapitel  I - Erinnerungen

 

 06.Juli 2042

 

Daike kommt leicht gebeugt und in schlürfenden Tippelschritten zu Tür herein. In den beiden zittrigen Händen hält sie dampfende Kaffeetassen.

Ich hebe sofort den Blick aus einer Segler-Zeitschrift, lege meine schmauchende Lesepfeife beiseite und raune ihr nur ein vertrauliches

"Na,kleine Prinzessin Di...",

zu.

Sie lächelt herzergreifend und erwidert liebevoll nur:

"Na,mein Kuschelbär...",

formt die Lippen zu einem wehenden Kuss in meine Richtung und stellt vorsichtig eine Tasse auf das kleine Weinschränkchen neben mir. Ihren eigenen Kaffee positioniert sie auf dem kleinen runden Beistelltisch an ihrem "Wohlfühl"-Sessel und lässt sich selbst nun in das gemütliche Sitzmöbel, direkt an meiner Seite, genüsslich fallen.

Wir sitzen dicht nebeneinander, Seite an Seite und schauen uns wieder in die Augen, kommen uns - nicht ganz ohne Anstrengung - Zentimeter für Zentimeter immer näher, bis sich unsere Nasen berühren.Und dann treffen sich leicht unsere Lippen zu einem herzlichen Küsschen. In den müden Augen leuchtet es.

"Ich liebe Dich, Di."

hauche ich ihr lächelnd zu.

"Ich liebe Dich auch, Kuschelbär",

flüstert sie mit einem gütig-liebevollen Blick.

Wir schauen uns noch einen Moment an. Dann setzt sie ihre leuchtend-rot-umrahmte Lesebrille auf und beginnt in einer ihrer Frauen-Zeitschriften zu blättern. Ich vertiefe mich wieder tiefenentspannt in meinem Seglerheft.

Es ist ein wolkenloser Sommertag und die wohlige Wärme ist gut für die alten Knochen mit den schmerzenden Gliedern. Tanzende Sonnenstrahlen spiegeln sich auf dem Glastisch unserer liebevoll eingerichteten Wohnstube und zaubern, durch die vereinzelt vorbeiziehenden Schönwetterwolken, ein bewegtes Flimmerlichtspiel an die weiße Zimmerdecke.

Da sitzen wir nun. Zwei müde, alte Leute, am Lebensabend angekommen - glücklich, dass der andere da ist.

Di hatte schon ihren 78-igsten Geburtstag gefeiert. Ich selbst habe die"Hürde - 80" schon hinter mir gelassen und genieße die liebende, fürsorgliche Gegenwart meiner wundervollen Frau - der wundervollsten Frau des ganzen Universums...

 

"Schatz,hör 'mal",

sage ich unvermittelt zu meiner Liebsten.

"Hier verkauft einer eine Segelyacht ... 'eine EDEL 4'...!"

Daike hob interessiert den Kopf und wandte sich mir zu.

"Echt?"

"Ja,eine EDEL 4! Genau wie unsere damals. Mit Außenborder im Schacht, Kielschwert, Dinette ... ein 7,10 Meter langer Backdecker - sogar mit Trailer!",

antwortete ich mit leuchtenden Augen und streiche mir genüsslich meinen grauen Bart.

Mein Blick wird starr und verträumt.

"Weißt Du noch - unseren ersten gemeinsamen Törn mit unserer EDEL 4, auf dem Plauer See bei Brandenburg - zehn Tage lang, allein, ohne Handy...? Nur Du und ich und eine Zeit der vollkommenen Stille." 

Daike schaute an die Zimmerdecke zu den regenbogenfarbigen Lichtkegeln der reflektierten Sonnenstrahlen, als wenn sie dort die Vergangenheit als Filmsehen könnte.

"Ja",

haucht sie,

"das werde ich nie vergessen..., man waren wir noch jung ... und diesen ganzen Trennungsstress..."

Sie schaut mir tief in die Augen.

"Ich liebe Dich so sehr, Diethelm und ich bin so froh, dass wir uns damals  

wiedergefunden haben!"

 

Da war es wieder - dieses eine Thema. Immer wieder bricht es unbedacht hervor. Nur ein Wort, ein Blick, eine Geste genügt und schon ist es da...  Ein prägendes Stück weit entfernter Vergangenheit, das uns nun schon unser ganzes Leben begleitet und immer wieder unvermittelt im Raum steht. Eine Vergangenheit, die uns bis an das selige Ende unvergessen bleiben wird. Eine Vergangenheit, die uns an die schönsten Momente des Lebens erinnert und auch an die dunkelsten Stunden, als der Abgrund so nahe war.

Stumm denke ich bei mir:

 

"Ja, wir haben den Himmel gesehen und ... auch in die Hölle geschaut."

 

Ich nicke nur leicht den Kopf.

"Ja,meine kleine Prinzessin Di, dass wir uns wiedergefunden haben, grenzt schon an ein echtes Wunder, ja, ein unglaubliches Wunder. 

Nach einer kleinen Pause ergänze ich - mir selbst kopfnickend zustimmend:

"Mmmhhh,  wir hätten schon damals nie auseinandergehen dürfen. Wir hätten von Anfang an zusammenbleiben sollen."

Di senkt beschämt den Blick.

"Ich weiß..., man, war ich eine blöde Kuh...!"

Mit liebevollem Blick streichele ich sie ganz, ganz zärtlich über ihr schütterndes Haar.

"Wir waren noch so jung... Wie konnten wir das alles wissen? Man, man, man, wir waren ja eigentlich noch dumme Kinder. Aber geliebt haben uns wir uns von der ersten Sekunde an."

"Ja, das habe ich wirklich und ich habe nie aufgehört Dich zu lieben"

versichert Daike beschwörend und fügt nachdenklich hinzu:

"Seitdem Tag, als wir damals auseinandergegangen sind, habe ich nie mehr ein Wort über Dich gesprochen, all die Jahre. Ich konnte es einfach nicht ... Ich habe so sehr gelitten und ich habe alles so tief, ganz tief in meinem Herzen vergraben."

"Ja."

antworteich mitfühlend-erinnernd und der Welt entrückt,

"Ich weiß, meine kleine Prinzessin. Mir ging es ja nicht viel anders. Ich liebe Dich so sehr, so unendlich tief - genau wie am ersten Tag."

Und schon folgte der nächste Gedanke, automatisch, wie die ritualisierte Abfolge eines vorbestimmten Geschehens, eben wie immer.

"Weißt Du noch, Di, damals, 1979, den Tag in der 'Grünen Kachel'...",

begann ich schmunzelnd. Doch Daike vollendete sofort diesen geistigen Rückblick, als könnte sie Gedanken lesen. Sie weiß augenblicklich, was ich ausdrücken will, weil dieser Teil unseres Lebens tief in unserer Seele eingebrannt ist, wie der verrußte Schriftzug auf alten Weinfässern.

Ja, diese kleine Begebenheit hat unser beider Leben auf einen Schlag verändert. Dieses Erlebnis war der schicksalhafte Wegbereiter für alles, was noch folgen sollte und war gleichermaßen der Beginn einer endlosen- und tiefen Verbundenheit.

"Ja, Diethelm, hhhmmm, unsere erste Begegnung.",

haucht sie leise, während sie an der weißen Zimmerdecke die Unendlichkeit zu durchdringen sucht.

"Das werde ich nie vergessen."   

"Ja, Di.",

erwidere ich kaum noch hörbar,

"Es ist mir, als wäre alles erst gestern geschehen - dieser eine Blick in Deine wunderschönen Augen..."

Wir fassen uns noch einmal an den Händen. Sie schaut mich so liebevoll an und ich erwidere sie mit einer herzlich-zuzwinkernden Geste.

Schließlich wenden wir beide uns wieder der jeweiligen Lektüre zu, doch meine Gedanken gelten nicht mehr dem Seglerheft. Ich nehme meine erloschene Lesepfeife, entzünde sie erneut und blase nachdenklich Kringel in den sonnengefluteten Raum. Mich beschäftigt nun etwas anderes, tiefsinnigeres.

"Wo ist nur die ganze Zeit geblieben? Die bewegende Zeit meines Lebens. Eine Zeit voller Leben. Lebenszeit..." 

 

*

 

An einem grauen,wolkenverhangenen Dienstagmorgen mache ich den ersten verröchelten Atemzugmeines Lebens und kreische mit meinem Knautschgesicht herzzerreißend in den ehrwürdig-sterilen Raum des Johanniterkrankenhauses, der kleinen Kreisstadt Jenthin.

Es ist Dienstag, der 19.09.1961, 04:20 Uhr und mein Name ist Diethelm Gothe. Sohn des Berufsmusikers, Dietmar Gothe und der gelernten Schneiderin, Editha Gothe, geborene Westen, das vierte Kind in der Familie.

 

Mama nimmt mich in den Arm. Erschöpft-glücklich schaut sie mich an und ihr Blick wandert zur Geburtsschwester und zum Arzt, als wolle sie ihnen zurufen:

"Seht her, seht her! Ich habe dieses Kind zur Welt gebracht. Das ist mein Baby, mein Kind, mein Sohn!"

Tränen steigen auf und schluchzend weint sie mir ihre tiefe Liebe entgegen. Keine Gedanken an die vielen Sorgen. Keine Gedanken an den alltäglich-aufopferungsvollen Kampf für ihre Familie. Nein, sie ist einfach nur glücklich, so unendlich glücklich...

 

*

 

Ich werde in ein sehr karges Leben geboren.

Wir wohnen in einer schlichten Unterkunft zur Miete bei der freundlichen Familie Ettermann in der Karl-Marx-Straße, gleich gegenüber dem Krankenhaus. Es war eine bescheidene Wohnung und ich habe noch den mit Feldsteinen bepflasterten Hof in Erinnerung, mit der großen Handpumpe am Brunnen im Zentrum der umbauten Fläche. Das Plumpsklo in der Hofecke rieche ich noch förmlich.    

Ich kann mich auch noch an ein schweres Gewitter an einem spätem Abend im Frühherbst 1965 erinnern. Der Strom war ausgefallen und wir stehen im unbeleuchteten Wohnzimmer bei dem flimmerndenTalglicht an den warmen Kachelofen gedrängt. Die züngelnde Flamme der Kerze zaubert einen tanzenden Schatten an den schlicht-gemusterten tapetenlosen Wänden. Wir essen gerade die von Mama kleingeschnittenen Apfelstücke, als endlose Blitze den finsteren Himmel erhellen und ihr grelles Licht zuckend durch die Ritze der geschlossenen Fensterläden schießt. ...als der tiefgrollende Donner ohrenbetäubend-krachend in das Miethaus einschlägt und einen breit-klaffenden Riss in die Häuserwand sprengt.

Ich weiß noch genau, wie ich fast vor Angst sterbe, mich zitternd an Mama klammere und meinen Kopf in die Rockfalten ihrer Kittelschürze vergrabe, während die Finger ihrer beschützenden Hände tröstend tätschelnd über meinen Kopf gleiten. Noch lange Zeit später fällt jedes Mal mein Blick auf den Spalt der geborstenen Steine, wenn ich aus dem Haus gehe oder heimkehre und stelle mir in meiner kindlichen Lebensphase vor, dass das eingebrannte Feuermal die Spur eines übermenschlichen Wesens war, das uns in zerstörerischer Absicht angegriffen hat.

 

Nach meiner kurzen Zeit in der Kinderkrippe gehe ich in den tollen Kindergarten "Am Birkenwäldchen". Ich liebe dieses Barackengemäuer mit den stattlichen- und hellen Räumen inmitten der grünen Natur und spiele, wenn es das Wetter erlaubt, am liebsten im großzügig angelegten Außenbereich zwischenden vielen Bäumen mit den anderen kreischend-tobenden Kindern. Jeden Winkel haben wir schon erkundet. Den Busch mit den leuchtenden Knallerbsen, den zwanzig Meter langen offenen oberirdischen Betonröhrenbunker,  in den wir nicht hinein dürfen, das kleine Loch im Drahtzaun hinter dem großen Sandkasten-Holz-Schiff und die zahlreich krabbelnden roten Feuerwanzen.

Zum Anfang habe ich noch richtige Angst vor den "Feuerkäfern", weil einige Kinder warnen, dass sie beißen würden. Andere reden davon, dass sie in die Hosen kriechen und die Beine anfressen. Und einige behaupten sogar, dass sie Feuer entzünden können. Doch schnell erkenne ich die tatsächliche Harmlosigkeit der purpurnen "Kriecherkrabbler" und lasse sie lachend über meine Hände schwärmen.

Im Sandkasten, der in Form des Piratenschiffes gebaut ist, bin ich der glorreiche Kapitän und meine furchtlose Korsarenmannschaft probt das Entermanöver. Das lachende Geschrei ist alltäglich und leidenschaftlich erstürmen wir alle Ecken des grünen Geländes.

 ...

 

*** 

 

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Vogel im Herzen   

Kapitel  IV -  Der Herrscher und seine Gemahlin 

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Freitag, 08. Februar 1980...

 

Das miese Gefühl in der Magengegend lässt langsam nach. Daike und ich konnten uns heute nur kurz am Bahnhof treffen und diese kostbare Zeit haben wir dann auch noch mit unangenehmen Gerede über ihre fiesen Eltern verbracht. Das Thema schwelt nun schon länger über unsere Treffen, weil meine Liebste immer wieder berichtet, was sie alles Daheim durchmachen muss und wie sie unablässig traktiert wird, weil sie mit mir zusammen ist. 

"Ich kann einfach nicht verstehen, warum Du so eine Angst vor Deinen Eltern hast?",

frage ich leicht genervt und füge kritisierend hinzu:

"Was wollen die denn schon machen, wenn wir zusammen sind, he? Sie können gar nichts machen. Sie können nichts gegen unsere Liebe ausrichten. Lass sie doch einfach zetern. Die beruhigen sich schon noch! Wir bleiben immer zusammen, ob die es wollen oder nicht!"

Ich habe aber auch gespürt, wie Daike mein Unverständnis nur sehr unzufrieden zur Kenntnis nimmt.

"Ich liebe Dich über alles in der Welt, Daike",

sage ich versöhnlich, küsse sie liebevoll und streichle ihr zärtlich über die Wangen.

"Ich Dich auch, Diethelm. Tschüß, bis morgen dann."

Sie schaltet die Zündung ein und startet mit kräftigem Tritt in den Kickstarter ihr Moped. Mit einem letztem liebevollem Blick zu mir gewand, fährt sie vom Bahnhofsparkplatz - doch, nach nur wenigen Meter bleibt sie stehen.

"Was hast Du? Hast Du 'was vergessen?",

rufe ich ihr zu. Doch Daike antwortet nicht. Immer wieder legt sie einen Gang ein. Immer wieder lässt sie allmählich die Kupplung kommen. Das Gefährt rührt sich nicht.

In wenigen Schritten bin ich bei ihr und frage wieder:

"Was ist los?"

"...es fährt nicht mehr!",

antwortet sie unsicher und gibt wieder ergebnislos Gas.

"Lass mich 'mal...",

sage ich nur, warte bis Daike abgestiegen ist und probiere nun selbst, das Gefährt zum Anfahren zu bewegen. Nichts.

Nach einigen vergeblichen Versuchen, die Ursache zu finden, steht es aber doch fest: Die Kette ist gerissen!

"Oh man - auch das noch!",

ruft Daike mit aller Verzweiflung aus.

"Ich muss heim. Meine Eltern wissen gar nicht, dass ich heute nach Jenthin gefahren bin - Scheiße noch 'mal!"

 

Nach einigen Probieren muss ich resignierend feststellen:

"...ohne Kettenschloss ist eine Reparatur nicht möglich!"

An eine neue Vernietung der Glieder war schon gar nicht zu denken, weil ich nicht über solches Equipment verfüge.

Die Verzweiflung steht Daike in's Gesicht geschrieben. Ihr ängstlicher Blick richtet sich auf den Eingang des Bahnhofsgebäudes.

"So ein Scheiß-Mist",

flucht sie lautstark,

"Jetzt muss ich sie auch noch anrufen, damit sie mich - verflucht noch 'mal - abholen kommen!"

Ich begleite Daike zur Telephonzelle im Bahnhof. Das Telephonat war nur kurz. Niedergeschmettert schaut sie mich an.

"Ach, Diethelm... Wenn Du nur wüsstest, was ich mir wieder anhören kann..."

Daike fällt mir in die Arme und Tränen rollen über ihre Wangen.

"Daike, Kopf hoch, okay. Es wird schon nicht so schlimm werden",

versuche ich sie vergebens zu trösten. Doch sie schaut mich nur kopfschüttelnd an und meint verzagend:

"Du hast einfach keine Ahnung, was ich jeden Tag durchmache..."

und ergänzt erschöpft:

"...wegen uns..."

 

*

 

Eine knappe Stunde später nähert sich ein 601-erTrabi mit einem kleinen HP-350-Anhänger, dem Bahnhofsplatz.

"Da kommen sie",

sagt Daike mit größer werdenden Augen und von unerklärlicher Ehrfurcht erschlagen, als sie ein noch relativ weit entferntes, weißleuchtendes Auto erblickt. Ich lege wieder meinen Arm - wie beschützend - um ihre Schultern. Doch sie windet sich sofort heraus. Verdutzt spüre ich intuitiv, dass sie auf keinen Fall will, dass ihre Eltern irgend welche Liebkosungen mitbekommen...

Der neu-wirkende Trabant hält mit quietschenden Bremsen vor uns an.

"Ja, nun sind Sie da",

denke ich so bei mir.

"Das sind also ihre Eltern: Melissa und Eckhard Schmiedt aus Parchien."

Sie steigen mit ernstem Blick aus dem Wagen. Es ist das erste Mal, dass ich den beiden persönlich gegenüber stehe. Zwei unscheinbare Fremde, nichts besonderes an ihnen - zwei Erwachsene eben, die ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen habe...

"Guten Tag",

entgegne ich Ihnen respektvoll, mit einem offenherzigen Lächeln und so überaus freundlich, wie es überhaupt möglich ist. Schließlich sind es ja die Eltern meiner Liebsten...

Beide stelzen grußlos an mir vorbei und würdigen mich keines Blickes. Ich bin einfach nur Luft, unbedeutend, nicht existent.

"Mmmhhh",

denke ich noch so bei mir,

"vielleicht hat sie der Anruf von Daike ja verärgert, weil sie möglicherweise gerade Essen wollten oder wer weiß was sonst..."

 

Ihr Vater geht direkt zum Moped und schiebt das Gefährt zum Hänger. Sofort bin ich da und helfe ihm die schwere Maschine mit festem Griff auf den Hänger zu laden.

Noch immer kein Wort, eisige Stille, keine Regung und noch nicht 'mal ein einziger Blick in meine Richtung, nichts...

Ich drehe mich um und - huch - Ihre Mutter, Melissa Schmiedt, steht plötzlich ganz, ganz nah vor mir. Sie mustert mich von oben bis unten, mit einem unzweifelhaft-verachtungswürdigen Mienenspiel, als wäre sie zutiefst angeekelt, als kaue sie gerade auf einer zitronensauren Nacktschnecke, die vorher durch den Taubenkot kroch. Ihre bohrenden Augen gleiten an mir musternd auf und ab, ohne, dass sie dabei ihren Kopf bewegt.

Just in diesem Moment erscheint sie mir bildgewaltig als teuflische Allmachtherrscherin der Welt, der Gezeiten und der Elemente und ich, ich, das erstarrte Erdenwürmchen, das elende Ungeziefer...

In einem Blitzgedanken sehe ich imaginär ein gereiztes Gorillaweibchen vor mir, das sich wütend auf die Brust trommelt und tödlich-drohend die Zähne zeigt - bereit zum zerstörenden Angriff...

Und dann, ha, dann kreischt sie in polternd-herrischer Sirenen-Tonlage los, mit einer trommelfellfeindlichen kräh-Stimme, dass sogar die Spatzen aus dem Blätterdach des Baumes stoben und panisch die Flucht ergreifen. Selbst der entfernteste Trunkenbold in der Bahnhofsecke blickt auf, um zu sehen, was da für ein Radau ist:

"Bindet euch nicht zu eng! Ihr seit noch viel zu jung...!",

dröhnt sie mich überdreht-schallend an.

Verächtlich zieht sie dabei die Mundwinkel ihrer "Gesicht-zur-Faust-geballt-Fratze" nach unten und wendet sich unverhohlen angewidert von mir ab. Kerzengerade stolziert sie siegesbewusst in Richtung Auto und die Beifahrertür kracht bestätigend in das Schloss.

Ich stehe noch immer kerzengerade, wie angenagelt und wage es verdutzt kein Wort zu sagen. Eine scheinbare Ewigkeit später schaue ich immer noch ungläubig-verdattert, wie "...'ne Kuh wenn 's donnert..."

"Man, was war das denn jetzt?",

schreit mein Innerstes sprachlos.

Langsam lässt meine Schockstarre nach.

"Boa-eh, so viel Frechheit habe ich ja noch nie erlebt!",

klage ich weiter stumm in mich hinein.

"Was nimmt sich dieses blöde Weib nur heraus? Wieso greift die mich so an? Habe ich der denn irgend 'was getan? Ich kenne sie ja nicht einmal..."

Ich beginne nun endlich ansatzweise zu ahnen, was Daike mit diesen "tollen Eltern" durchmacht.

Oh man, meine arme Daike... Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sie solche bescheuerten Eltern hat.

Ach ja, Daike - mit einem scheuen Blick schaue ich nach ihr. Sie sitzt bereits im Fond des Wagens, den Blick demütig nach unten gesenkt. Sie wagt es scheinbar nicht einmal Luft zu holen- geschweige denn, in meine Richtung zu blicken.

Ihr Vater posiert mit gelangweiltem Blick und erhobenen Hauptes schon königlich-thronend in seinem Polster-Sitz hinterm Lenkrad. Er hat mich während der ganzen Zeit tatsächlich keines Blickes gewürdigt. Ich bin es nicht einmal Wert, dass er mich anschaut, weil es die ach so heilige Eminenz ganz offensichtlich nicht nötig hat, sich mit mir "minderwertigen Pophans" abzugeben... Dafür hat er ja schließlich seine zähnefletschende Bulldogge, sein krähendes Gorillamonstrum, Melissa...

In Gedanken höre ich sie förmlich triumphal dröhnen:

"Dem habe ich es aber so richtig gegeben, was Hardy!"

 

Der Motor heult auf. Das Gefährt setzt sich in Gang und entschwindet ein paar Sekunden später schließlich hinter der nächsten Biegung.

 

Mmmhh, das waren also ihre Eltern. Daike hat nie viel von ihnen erzählt. ...nur immer ausgedrückt, dass sie gegen mich sind und, dass sie mit den beiden Stress wegen mir hat.

Aber was ich heute mit diesen aufgeblasenen "Von-Sich-Eingenommenen-Möchte-Gern-Gott-Sein-Diktatoren" erlebt habe, hat mich doch tief geschockt.

Aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann 'mal, wenn sie mich besser kennen würden, wenn ich endlich einmal die Gelegenheit hätte, zu zeigen, dass ich ein guter Kerl bin und vor allem, dass ich ihre wundervolle Tochter ja über alles auf der Welt liebe...

Vielleicht sind sie dann nicht mehr so fies und abweisend...so ignorant...so respektlos...

Ich werde mit Daike noch einmal darüber sprechen, wenn wir uns das nächste Mal treffen.

 

*

 

Dass diese respektlosen, egoistisch-ignoranten Menschen einmal mein Leben beeinflussen werden, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise ahnen. Und schon gar nicht kann ich wissen, warum sie mich eigentlich hassen ... was wirklich das Geheimnis ist...

 

Das soll ich erst über 20 Jahre später erfahren...

 

 

***

...

 

 





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